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Vortrag: gehalten am 10.9.2004 auf der Fachtagung des Vereins Morgenstern zum 5-jährigen Bestand der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft Helenenhof

Dr. Lieselotte Türkmen-Barta
Verein LIMES Wien

Strategien gegen Machismo

Einen Vortrag zuzusagen ist eine Sache, ihn dann auszuarbeiten eine andere. Unser Thema ist Machismo. Während der Vorbereitung sind meine Kollegin und ich draufgekommen, dass wir uns ein sehr umfangreiches Thema gewählt haben, das keinesfalls mit ein paar Rezepten erschöpfend dargestellt werden kann. Vielmehr würde jeder einzelne Vorschlag weitere Auseinandersetzungen und Vertiefung erfordern:

a) in Reflexion und Fortbildungen für jede einzelne SozialpädagogIn und BetreuerIn
b) in der Konzeptarbeit
c) in regelmäßigen Teamsitzungen

Wir haben uns die Zeit so aufgeteilt, dass ich eher ein paar theoretische Überlegungen anbiete und meine Kollegin ihren Teil eher auf die praktische Anwendbarkeit hin gestaltet.

Ich möchte zunächst 4 Hauptthesen aufstellen:

1) Erziehung ist Vorbild

2) Geschlechtssensible Pädagogik braucht zusätzliche Gruppenarbeit für Buben und Mädchen

3) Hierarchien sind wichtig

a) Spannungsverhältnis zwischen Autorität, Führung, Disziplin vs. Selbstbestimmung, Mitbestimmung, Basisdemokratie
b) Informelle Hierarchien unter den Kindern und Jugendlichen
c) "Innere" Hierarchien durch die Loyalität gegenüber den eigenen Eltern

4) Kinder und Jugendliche in Heimen und Wohngemeinschaften haben traumatisierende Lebenserfahrungen hinter sich.

Ad 1) Erziehung ist Vorbild

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht ein paar Worte darüber zu verlieren, warum wir - beide Frauen - uns zutrauen, hier zu Ihnen über ein Thema zu sprechen, das doch sehr viel mit "Männlichkeit" zu tun hat. Wäre nicht zumindest ein Mann vonnöten gewesen, um Authentizität und Glaubwürdigkeit auszustrahlen und für Männer und Frauen attraktiv zu sein?
Anderseits repräsentieren wir die Realität vieler Einrichtungen, in denen es wesentlich mehr Frauen als Männer im Team gibt und auch die Realität vieler Familien, in denen die Frau die Haupterziehungsarbeit leistet und Männer nur als Sonntagsdraufgabe vorkommen.

Schauen wir uns einmal das traditionelle Männerbild an. Viele männliche Aufgaben und die dafür notwendigen Eigenschaften wurden früher positiv beurteilt und machten einen "richtigen Mann" aus:

Dieses gute alte Männerbild ist von mehreren Seiten bedroht. An erster Stelle möchte ich die wirtschaftliche Situation nennen, also Arbeitslosigkeit und zu geringes Einkommen. Außerdem werden die männlichen Rollen teilweise von Frauen ebenso gut ausgefüllt. Teils sind sie in Verruf geraten oder sie sind nur mehr als "Machismo" verschrien, z.B. die Konkurrenz unter Männern oder die Unterdrückung von Frauen in jeder Form. Gleichzeitig bestimmt aber die Konkurrenz unter den Männern sehr stark den Arbeitsalltag, nicht nur in der Chef-Etage, sondern auch bei den Arbeitern. Ein sogenannter "richtiger Mann" kommt sehr leicht in eine double-bind-Situation, ist er zu "männlich", ist er ein Macho. Ist er sanft und weich, so ist er ein Softie. Somit ist er ständig in Gefahr, zu einer Karikatur seiner selbst zu werden.

Das Gleiche gilt von den Buben. Im Sozialberuf traut sich niemand mehr zu sagen: "Ein richtiger Bub......." muss das und das machen, darf das und das nicht machen, z.B. weinen. Einige Studien und Bücher setzen sich mit den Problemen der Buben in der heutigen Gesellschaft auseinander, z.B. "Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit" von Schnack und Neutzling, erschienen 1990 und "Hilflose Helden". Wenn Jungen keine Vorbilder mehr finden" von Carol Lee, deutsch erschienen 1998.

Die Änderung der Leitbilder betrifft auch Frauen, aber das ist heute nicht das Thema. Wir sind der Meinung, dass heutzutage in unserem Kulturkreis jede und jeder die Aufgabe hat, sich als Mensch in weiblicher und männlicher Gestalt neu zu erfinden und gleichzeitig in der Gesellschaft zu positionieren und die eigene Position immer wieder neu zu reflektieren und nach außen zu vertreten. Nur wenn das den Erwachsenen glaubwürdig gelingt, ist es eine Einladung an Buben und Mädchen, sich solche Männer und Frauen als Vorbild zu nehmen oder sie wenigstens als glaubwürdige BegleiterInnen zu akzeptieren, sich manches von ihnen anzueignen, je nachdem wie lange sie mit dem betreffenden Mann oder der Frau zusammenleben und was gerade zu ihrer Entwicklungsstufe passt. So kann es zu einer Teil-Identifizierung kommen, im Idealfall zu einer wechselseitigen Identifizierung, indem auch der Pädagoge, die Pädagogin sich in diesen Prozess einlässt und sich von den anvertrauten Kindern und Jugendlichen beeinflussen lässt. Kurz zusammengefasst ist unsere Meinung dazu, dass auch Mädchen sich Männer und Buben sich Frauen zum Vorbild nehmen dürfen und das auch tun - meist unbewusst - und dass das ganz gut funktioniert, wenn beide Geschlechter im Team vertreten sind und dass es umso besser funktioniert, wenn diese Männer und Frauen sich mit ihrem eigenen Mannsein und Frausein und mit den gesellschaftlichen Trends auseinandergesetzt haben und auch bereit sind das weiterhin zu tun. Die eigene Entwicklung schreitet immer fort und das Mannsein und Frausein ändert sich je nach der Phase, in der man/frau sich selbst befindet von der jungen Frau oder dem jungen Mann bis zur Reife des höheren Alters. Ein Wörtchen noch zu den Eltern, diesen wichtigen grauen Eminenzen in jeder Form von Fremdunterbringung. Die sind natürlich die Ur-Vorbilder und die Kinder sind mit ihnen verwoben, verwachsen, verstrickt vom Mutterleib an, vielleicht umso mehr, weil sie nicht ständig mit ihnen zusammen sind und daher die natürliche Ablösung blockiert ist, weil gegen die schon passierte Trennung innerlich ständig gegengesteuert werden muss.

Die meisten fremduntergebrachten Kinder stammen aus einer sozial niedrigeren Schicht als die meisten SozialpädagogInnen. Das macht es für die Kinder und Jugendlichen extrem schwer, sich von beiden Seiten brauchbare Bestandteile für ihren Persönlichkeitsaufbau zu holen und in ihr Leben zu integrieren. Bei ausländischen Familien kommen noch einige Sonderprobleme dazu. Eine Chance, neben den Eltern bestehen zu können, haben meiner Meinung nach nur diejenigen PädagogInnen, die die Eltern in ihrer Wichtigkeit für die Kinder und Jugendlichen gelten lassen und mit ihrem Platz in der zweiten Reihe zufrieden sind. Damit diese Haltung auch innerlich gelingen kann, ist wieder viel Selbst- und Teamreflexion nötig, besonders bei sogenannten schwierigen Eltern. Vielleicht gibt es praktische Möglichkeiten, die Eltern mehr einzubeziehen und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen.

Ad 2) Geschlechtssensible Pädagogik

Diese ist aus mehreren Gründen ein sensibles Thema.
Vor einiger Zeit erschien sie in der pädagogischen Landschaft wie eine seltsame anachronistische Pflanze. Eben erst war endlich auch in den konservativsten Schulen und Einrichtungen die Koedukation durchgesetzt worden - in allen geht es sowieso nicht - da wurden auch schon Zweifel laut, ob die Durchmischung der Geschlechter den Mädchen wirklich nur Vorteile bringt oder ob sie nicht in gemischten Klassen grundsätzlich zu kurz kommen und außer der Konfrontation mit dem männlichen Geschlecht auch noch einen männerfreien Raum für ihre ureigenste Entfaltung brauchen. Nur sehr zögerlich setzt sich die Idee durch, dass auch Buben von getrenntem Unterricht in einigen Fächern profitieren würden, z.B. in den Sprachen und dass es Buben- und Burschengruppen geben sollte, in denen die Buben unter sich sind und lernen könnten, über bubenspezifische Anliegen und Probleme nachzudenken, zu sprechen und somit die Chance zu bekommen, neue männliche Tugenden zu entwickeln, die man mit dem Schlagwort "neuer Mann" assoziiert. Das langsame Anlaufen der Bubenarbeit entspricht wahrscheinlich der - im Vergleich zur Frauenbewegung - wesentlich langsamer in Schwung kommenden Männerbewegung, die aber doch schon einiges bewirkt hat, denken Sie an die Männerberatungsstellen, die sehr erfolgreich arbeiten und an die Anti-Gewalt-Bewegungen von Männern.

Einen guten Überblick über die Buben- und Burschenarbeit in Österreich bis 1999 bieten die beiden Broschüren des Sozialministeriums Bubenarbeit I und II. Nach Meinung der Männer, die eine solche bubenspezifische Arbeit leisten, ist es viel besser, wenn Männer derartige Projekte durchführen, aber in der Praxis sind es doch oft wieder die Frauen, die bereits Gruppenerfahrung mit den Mädchen haben und sich dann leichter entschließen, auch bei den Buben einzusteigen.

Themen sind je nach Alter die Sorgen und Probleme der Buben, ihr Erleben in der Familie, in der Schule, mit gleichaltrigen Buben und Mädchen, Konflikte, Sexualität, Liebe und Beziehungen, Männlichkeit, Gewalt - selbst erlebte Gewalt, selbst ausgeübte Gewalt und eventuell auch die Gewaltdarstellung in Medien, Film, Fernsehen, Computerspielen und Pornos. Es wäre ja eine Illusion, Jugendliche davon ganz fernhalten zu können, also wäre es eine gute Lösung, mit ihnen darüber zu reden. Weitere Themen könnten sein Alkohol, Drogen, je nachdem was die Buben selbst gerade besprechen wollen.

In Einrichtungen, wo sowohl Mädchen- als auch Bubengruppen angeboten werden, können auch gemeinsame Gruppenstunden, Veranstaltungen oder Workshops geplant werden, um sich über verschiedene Themen ("Buben sind.....", "Mädchen sind......") auszutauschen, konkrete Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen.

Ziele sind der Abbau von Sexismus und Gewalt, Sensibilisierung für die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer, Lebenshilfe auf andere Art als durch die gewöhnliche männliche Art, Überspielen Verdrängen und Überkompensieren. Methodisch lassen sich praktisch alle Gruppenmethoden und viele Übungen für diese Arbeit heranziehen. Frau Tieber wird Ihnen einige davon vorstellen. Die Broschüre Bubenarbeit I bietet ganz konkrete Vorschläge, wie eine neue Buben- oder Burschengruppe aufgebaut werden könnte einschließlich Themen- und Methodenvorschlägen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass geschlechtssensible Mädchen- und Bubenarbeit am besten in eigens dafür geschaffenen, vom anderen Geschlecht abgeschirmten Zeit-Räumen gedeiht. Voraussetzung ist sich darüber zu trauen und ausreichende zeitliche, räumliche und personelle Ressourcen dafür zu schaffen. Günstig ist eine fortlaufende Arbeit über mehrere Jahre, da sich erst langsam Vertrauen bilden muss und das ernsthafte Reden über heikle Themen erst eingeübt werden muss. Ein Einstieg ist auch mittels Workshops oder Wochenend-Projekten möglich, die von Außenstehenden, z.B. Männerberatungsstellen, angeboten werden.

Der geschlechtssensible Umgang mit Mädchen und Buben sollte in jeder Einrichtung ein pädagogisches Prinzip sein - das allein ist aber zu wenig. Projekte oder besser noch fortlaufende Gruppen sind notwendig, um das angestrebte Ziel - Problembewältigung durch Reden - zu erreichen,

Ad 3) Hierarchien

Wieder ein so schwieriges und umfangreiches Thema, dass ich mir denke, wie soll ich das nur in wenigen Minuten abhandeln. Im Urlaub mit der Familie meiner Tochter habe ich erlebt, wie basisdemokratisch sie und ihr Partner ihre beiden Mädchen, einen Teenager und ein Vorschulkind erziehen. Vorrechte für die Großmutter, nur weil sie älter ist? Nein; ich musste mich genau so wie die anderen Gruppenmitglieder - mit Freunden und Freundinnen der Eltern und Kinder waren wir insgesamt 10 Personen - an den basisdemokratischen Entscheidungsprozessen beteiligen und sie akzeptieren. Dass es vielleicht doch neben der offiziellen Demokratie auch informelle Hierarchien und Koalitionen gab, sei dahingestellt.

Nun, Basisdemokratie hin oder her, in der Familie, in Heimen und Wohngemeinschaften gibt es doch auch so etwas wie eine Verantwortung der Erziehungsberechtigten, gerade auch im Zusammenhang mit unserem Thema "Machismo".

Es weiß zwar jede und jeder, was damit gemeint ist, aber schauen wir uns doch einmal genauer an, was darunter zu verstehen ist und wie er sich zeigt:

a) Verbale Beschimpfungen und Drohungen
b) Sekkieren, mobbing-ähnliches Verhalten
c) Manifeste Gewalt, besonders gegen Schwächere
d) Sexistisches Reden, Porno-Gebrauch, Sekkieren von Mädchen
e) Sexuelle Übergriffe gegen gleichaltrige oder ältere Mädchen oder Frauen, seltener auch gegen gleichaltrige Buben
f) Sexueller Missbrauch jüngerer Mädchen und Buben

Leider habe ich in manchen Einrichtungen bemerkt, dass in dem Bemühen, die Kinder und Jugendlichen nicht bei jeder "Kleinigkeit" zu reglementieren und zu bevormunden und ihnen auch Raum für ihre "freie Entfaltung" zu lassen, derartige Vorkommnisse toleriert oder einfach übersehen werden. Manchmal ist es auch schwer, in einem großen Gelände die Übersicht zu behalten und es reißen dann Verhaltensweisen ein, die niemand gut findet, aber die zu ändern sich anderseits niemand zutraut.
Da in den Heimen und Wohngemeinschaften sehr viele Kinder und Jugendliche mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen leben, sind diese Themen ständig präsent.

Auf Grund ihrer frühen Sexualisierung senden missbrauchte Kinder unbewusst Signale aus, die von anderen sexualisierten Kinder wahrgenommen und beantwortet werden. So finden missbrauchte Kinder zueinander und wollen dann oft ihre Sexualität miteinander teilen und ausleben. Die Regel, dass alles was freiwillig unter Gleichaltrigen geschieht in Ordnung ist, ist hier nicht anwendbar, weil wir davon ausgehen, dass eine fortgesetzte sexuelle Betätigung im Kindesalter nicht gut ist für die Kinder. Es wird nämlich das ursprüngliche Missbrauchs-erlebnis dadurch immer wieder erinnert - in der Fachsprache sagt man getriggert - und das Kind kommt nicht zur Ruhe. Zudem besteht die Gefahr, dass andere bisher nicht missbrauchte Kinder hineingezogen werden und ein nicht altersentsprechender und dazu noch sehr grober Umgang mit Sexualität sich in der ganzen Einrichtung ausbreitet wie eine ansteckende Krankheit. Sex unter Kindern unterschiedlicher Alters- und Entwicklungsstufen bedeutet fast immer, dass es Opferkinder und Täterkinder gibt, was beides den betreffenden Kindern oder Jugendlichen schadet.

Frau Prof. Heiliger vom deutschen Jugendinstitut in München hielt zu diesem Thema einige viel beachtete Vorträge in Wien.
Sie ist der Meinung, dass es in der Gesellschaft eine allgemein verbreitete Verharmlosung, sogar Rechtfertigung von sexuellen Übergriffen aller Art und eine hohe Duldung solcher Taten gibt. Meiner Meinung nach ist dies besonders bei jugendlichen Tätern der Fall, weil viele Leute glauben, sexistische Übergriffe gehören eben in einem bestimmten Alter dazu, das sei eine normale Entwicklungserscheinung, es sei ja sehr oft so, dass die Mädchen oder jüngeren Kinder das auch wollen oder den Täter dazu angestiftet hätten.
Wenn man ein solches Verhalten "normal" findet, entlarvt man sich sozusagen selbst als Anhänger oder Anhängerin des alten Männlichkeitsbildes, für das Grenzverletzungen, Übergriffe und sexuelles Abreagieren typisch sind.
Als Gegenposition empfiehlt sie eine Kultur des Eingreifens, der Täterkontrolle und des Opferschutzes und eine dezidierte Täterprävention.
Es genügt eben nicht, immer nur beim Opfer oder möglichen Opfern, Mädchen oder Buben anzusetzen und sie z.B. in Selbstverteidigungskurse zu schicken, sondern die Täter und möglichen Täter müssen aktiv daran gehindert werden, andere Jugendliche zu beschimpfen, zu belästigen oder zu schikanieren und sexuell zu missbrauchen.
Frau Heiliger berichtet über Erfahrungen mit Schulprojekten, in denen es relativ leicht möglich war, Buben darüber aufzuklären, was für Mädchen unangenehm ist und ihnen neue, moderne Normen und die entsprechenden Grenzziehungen zu vermitteln.
Dies ist jedoch ein Prozess, den Burschen nicht für sich selbst leisten können. Sie brauchen dazu die Hilfe und Unterstützung verantwortlicher Erwachsener, die sagen: "Dieses Verhalten ist nicht akzeptabel, da schaue ich nicht zu, da greife ich ein."
Dazu vielleicht noch ein Statement: Wer ein Zeuge von Gewalt wird und sich neutral verhält, hilft immer dem Täter.

Ich erzähle Ihnen vielleicht noch ein praktisches Beispiel aus einem Wiener Park. Dort war es in den Abendstunden zu einer Gruppenvergewaltigung eines 15jährigen Mädchens durch mehrere Burschen, 5 davon unter 14, 2 über 14 gekommen. Die über 14-Jährigen wurden angezeigt und kamen vorübergehend in U-Haft. Einer bekam eine Therapieweisung beim Verein LIMES, die anderen 6 mussten vom Jugendamt aus eine Gruppentherapie besuchen. Bei den HelferInnenkonferenzen waren auch die ParkbetreuerInnen des betreffenden Parks vertreten. Sie schlossen die Täter für eine gewisse Zeit vom Besuch des Parks aus und bemühten sich sehr, den Vorfall nicht zum Anlass für sexistisches Gerede und Gehaben werden zu lassen, sondern im Gegenteil klar für das Opfer und gegen die Täter Stellung zu beziehen.

Sie wundern sich vielleicht, warum ich diesen Teil des Vortrags mit dem Titel Hierarchie versehen habe; dann habe ich gar nicht so viel über Hierarchie, Macht und Autorität gesprochen. Vielleicht noch ein Wörtchen dazu. Gewalt und Missbrauch haben immer etwas mit Macht zu tun. Starre Hierarchien begünstigen Missbrauch, denn der ist sehr oft der Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses. Wie die SozialpädagogInnen und die Leitung mit ihrer Macht umgehen, das ist sehr wichtig in diesem Zusammenhang. Grundvoraussetzung ist, dass sie nicht selbst ihre Macht missbrauchen. So gesehen fallen Ihnen vielleicht bessere Überschriften für das Kapitel ein, z.B. Verantwortung der Erwachsenen bzw. des Teams.

Apropos Team - es ist klar, dass alles, was ich bis jetzt gesagt habe, nicht von einem einzelnen Sozialpädagogen oder einer Sozialpädagogin geleistet werden kann, sondern dass alle diese Vorschläge nur verwirklicht werden können, wenn das Team sich darüber einig ist, vielleicht basisdemokratisch zu einem Konsens gekommen ist und sich im Einklang mit seinen Vorgesetzten, also mit seiner Hierarchie weiß. Ein Einzelner könnte aber vielleicht die Initialzündung geben.......mehr dazu werden Sie im Vortrag meiner Kollegin hören.

Informelle Hierarchien

Diese finden sich in allen Gruppen und menschlichen Formationen. In Bubengruppen ist oft ganz klar, wer in der informellen Hierarchie ganz oben steht, wer der zweite ist usw. bis zum letzten. Wenn einer neu kommt, kriegt er zuerst einen Platz ziemlich weit unten. Nach meinen Informationen müssen Buben um den ihnen zustehenden Platz raufen, was eine gewisse Zeit dauert. Im Grunde scheint es sich bei diesen Rangreihen um ein Ordnungsprinzip zu handeln, das, wenn es einmal feststeht, weitere Kämpfe erspart, sodass die Energie der Gruppe für andere Zwecke eingesetzt werden kann. Vielleicht gibt es bessere Möglichkeiten als das Raufen - z.B. sportliche Wettkämpfe - eventuell lässt sich auch das Raufen unter fairen Bedingungen und Regeln durchführen. Die anwesenden Herren können auf ihren eigenen Erfahrungsschatz zurückgreifen und sich erinnern, wie es in ihrer Bubenzeit war, ob das mit der Hierarchiebildung durch Raufen immer und überall stimmt oder ob sie andere Beispiele kennen, wie sich Überlegenheit und Unterlegenheit herauskristallisieren.

Bei Mädchen dürfte es mehr um das Thema gehen, in eine bestimmte angestrebte Gruppe aufgenommen und nicht ausgeschlossen zu werden. Dann bleibt aber immer noch die Möglichkeit, sich mit anderen Mädchen, die ebenfalls nicht der In-Gruppe angehören zusammenzuschließen. Natürlich gibt es dabei auch Abweichungen und Überschneidungen. So erzählte mir z.B. meine jüngere Tochter erst sehr viel später, dass sie mit ca. 10,11 Jahren in der Schule sehr viel mit den Buben raufte und dadurch deren Respekt gewann.

In der älteren sozialpädagogischen Literatur wird empfohlen, dass die männlichen Sozialpädagogen in einer Bubengruppe den obersten Platz in der Rangreihe innehaben und sozusagen der Leitwolf ihres Rudels sein sollen........dieses Modell klingt zwar bestechend, aber was ist dann mit den übrigen Team-Mitgliedern? "Wer ist heute diensthabender Leitwolf?"......"Haben wir heute einen Wolf oder eine Wölfin?" könnten dann die Fragen lauten.
Auf alle Fälle ist es wichtig, diese Hierarchiebildungen innerhalb einer Gruppe zu beobachten und womöglich zu nützen im Sinne einer Kooperation mit den angesehensten Gruppenmitgliedern, was aber nicht in ein Kapo-System im negativen Sinn ausarten darf. Gerade solche Rangreihen würden eine Chance bilden, den Umgangston in einer Gruppe zu verbessern und vor allem, auf eine faire Behandlung der Kleineren und Schwächeren hinzuarbeiten. Denn hat man die führenden Gruppenmitglieder auf seiner Seite, so wirkt deren Vorbild auch auf die anderen, ganz ähnlich wie in einer Familie das Vorbild der älteren Geschwister von großem Einfluss auf die jüngeren ist.

Innere Hierarchien durch die Loyalität gegenüber den eigenen Eltern

Das Thema "Eltern" habe ich schon im Zusammenhang mit der Vorbildwirkung angesprochen. Jetzt komme ich noch einmal darauf zurück im Zusammenhang mit der Frage, wer wem was zu sagen hat, wer wem folgen muss und wessen Wort gilt. Wenn diese Fragen nicht geklärt sind, dann kommt es bei einem Kind oder Jugendlichen bestenfalls zu einer Scheinanpassung, sehr häufig aber zu einer mehr oder weniger offenen oder versteckten, bewussten oder unbewussten Rebellion. Ein Verhaltenskodex kann dann nicht angenommen, schon gar nicht innerlich bejaht werden, wenn das Kind weiß und fühlt, dass eigentlich ein anderer Verhaltenskodex gilt, nämlich der der Eltern und dass die Unterordnung unter andere Gesetze, eine Art Überlaufen und einen Treuebruch bedeutet. Natürliche Hierarchien folgen einem ganz einfachen Prinzip, nämlich dem der älteren Rechte. Wer zuerst da war, der hat das Sagen. Dazu kommt noch die Bindung an die eigene Gruppe plus der Angst, aus dieser Gruppe ausgestoßen zu werden bzw. bei fremduntergebrachten Kindern, aus ihrer Familie gänzlich ausgestoßen zu werden und nicht mehr zurück zu können.

Um den Kindern und Jugendlichen diesen Konflikt zu ersparen, ist es wichtig, wo immer möglich einen "Auftrag" von den Eltern zu erhalten, nicht nur ihre Unterschrift, sondern ihr inneres Einverständnis, das Kind Menschen anzuvertrauen die es gut mit ihm meinen und die auch ihnen als Eltern Respekt entgegenbringen und bereit sind, sie in ihrem so geworden Sein, wie sie nun einmal sind, zu verstehen und zu würdigen und ihre Wichtigkeit für das Kind anzuerkennen. Wenn das gelingt, haben es die Kinder viel leichter, neue Verhaltensnormen, z.B. eine Sprache mit weniger Schimpfwörtern anzunehmen, weil sie ja wissen, dass die Eltern damit prinzipiell einverstanden sind und weil sie spüren, dass ihr bisheriges Gewordensein nicht verachtet oder abqualifiziert, sondern akzeptiert wird. Ein kritischer Punkt in diesem Zusammenhang sind Entlassungswünsche der Kinder und/oder der Eltern. Hier ist es besonders wichtig, sich erneut den "Auftrag" zu holen, aber das wissen Sie ja alle selbst und ich habe es nur der Vollständigkeit wegen hier erwähnt. Da dieser "Auftrag" der Eltern in der Realität oft nur an der Oberfläche zu erreichen ist und die Spannungen im Inneren weiter bestehen - manchmal gelingt es auch gar nicht - so tun wir gut daran immer mitzudenken, dass die Loyalität der Kinder eine geteilte ist und sie es als Wanderer zwischen zwei Welten schwer haben, sich so oder so zu orientieren und ihren je eigenen Weg zu finden.

Ad 4) Traumatisierende Lebenserfahrungen in der Vorgeschichte

Das Meiste was ich bis jetzt gesagt habe - Vorbildfunktion der Erwachsenen, Nützlichkeit von Buben- und Mädchengruppen, Hierarchien, gilt mehr oder weniger für alle Kinder und Jugendlichen. Bei den fremduntergebrachten Buben und Mädchen haben wir es jedoch mit "Kindern mit besonderen Bedürfnissen" zu tun auf Grund der Tatsache, dass in ihrem Leben Umstände eingetreten sind, die den Verbleib in ihrem normalen Milieu nicht weiter erlaubten. So gut wie immer haben oder hatten diese Umstände einen traumatischen Charakter und zwar meistens nicht im Sinne eines akuten, plötzlichen, leicht festzumachenden Ereignisses, sondern eher handelte es sich um lang andauernde Stressoren oder wiederholte Trennungen. In der Regel lang andauernde Stressoren sind z.B. häusliche Gewalt gegen einen Elternteil und/oder gegen das Kind/die Kinder, sexueller Missbrauch, Alkoholismus eines oder beider Elternteile, Geisteskrankheit, Vernachlässigung, Ausfall der Erziehungsberechtigten durch lange Krankheit oder Tod, sehr häufig eine Kombination dieser Faktoren. So bilden z.B. Alkoholismus, Gewalt und sexueller Missbrauch ein Syndrom, d.h. dass diese Faktoren oft miteinander auftreten und wo 2 davon vorhanden sind, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der 3. Faktor auch da ist. Dazu kommt noch die Fremdunterbringung selbst, die Trennung von der Familie, von den FreundInnen und der gewohnten Umgebung, das Gefühl weggegeben worden zu sein + manchmal traumatisierende Faktoren bei der Abnahme, z.B. im Rahmen eines Polizeieinsatzes.

Der Trauma-Begriff ist jetzt sehr modern geworden, meiner Meinung nach zu Recht, weil er nämlich beinhaltet, dass starke Reaktionen auf solche Ereignisse kein Zeichen einer gestörten Persönlichkeit sind, sondern normale Reaktionen auf abnormale Ereignisse. Diese Einstellung eröffnet einen ganz neuen Zugang zu den KlientInnen oder Therapie-PatientInnen, aber auch zu den fremduntergebrachten Kindern. Man kann nämlich davon ausgehen, dass man selbst vielleicht ganz ähnlich reagieren würde oder reagiert hätte, wenn einem im eigenen Leben so etwas passiert wäre. Trauma ist an sich mein Spezialgebiet, aber in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit will ich mich ganz kurz fassen.

Die normalen Reaktionen auf Traumatisierung sind "fight or flight", also kämpfen oder flüchten und als dritte Reaktion sich tot stellen. Die häufigste Wurzel von überschäumender und überbordender Aggression bei Kindern und Jugendlichen liegt also in ihren vorhergegangenen Traumatisierungen und einer entsprechenden Fight-Reaktion. Damals konnten sie oft nicht aggressiv reagieren, weil es für sie lebensgefährlich gewesen wäre, aber der Zorn und die Wut haben sich aufgestaut und kommen dann zu einem späteren Zeitpunkt oder in einer anderen Umgebung heraus, wo es nicht mehr so gefährlich ist. In der Pubertät kommt es wegen der hormonell bedingten Entwicklung des Sexualtriebes bei vielen Jugendlichen zu einer sexuellen Färbung der Aggression, d.h. zu einer Kombination der traumabedingten Aggression mit dem erwachenden Sexualtrieb und somit zu sexuellen Übergriffen gegen Kinder, Gleichaltrige und/oder Erwachsene. Das Um und Auf der Trauma-Behandlung, sozusagen ihre wichtigste Grund-Voraussetzung ist die Herstellung von Sicherheit.

Diese Grundvoraussetzung für den richtigen Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Vorgeschichte belastenden Ereignissen ausgesetzt waren, ist primär keine therapeutische, sondern eine ureigenste sozialpädagogische Aufgabe. Viele Kinder kommen ja ins Heim oder in eine Wohngemeinschaft, weil sie vor ihren bisherigen Misshandlern oder Misshandlerinnen in Sicherheit gebracht werden müssen. Diese Sicherheit soll ihnen dann aber auch gewährleistet werden. "Hier ist ein sicherer Ort" ist eine wichtige Maxime, hier wird nicht geschlagen, hier wird nicht missbraucht, hier wird keiner ausgespottet und keiner ausgeschlossen, hier wird nicht gedroht und hier fliegt keiner raus. Daran müssen aber auch alle mitwirken, diesen sicheren Ort zu schaffen, an dem man wirklich leben kann, auch die Kinder und Jugendlichen selbst.
Auch wenn Sie wissen, dass ein Kind oder Jugendlicher zu Hause traumatisiert wurde und möglicherweise deshalb aggressiv ist, so dürfen Sie ihm doch kein Täterverhalten - Gewalt oder sexuelle Übergriffe - erlauben oder durchgehen lassen. Halten Sie sich an den Grundsatz: "Verurteilt wird nicht der Täter, aber sehr wohl die Tat" und greifen Sie ein! Einerseits zum Schutz des Opfers, anderseits zum Schutz des Täters vor sich selbst.

Ich kann es mir nicht versagen, ein paar Worte über die Tätertherapie zu sagen, weil die oft als eine unangemessene Wohltat für den Täter angesehen wird. In Wirklichkeit ist sie aber eine ganz wichtige Maßnahme zum Opferschutz, um zu verhindern, dass der Täter bei seinem gewalttätigen oder missbrauchenden Verhalten bleibt und so immer neue Opfer schädigt.
In der Tätertherapie wird ganz anders vorgegangen als in der Opfertherapie. Man beginnt nämlich damit, dass der Täter über seine Tat sprechen und die Verantwortung dafür übernehmen muss, was ihm meistens sehr sehr schwer fällt. Dann soll er verstehen, wie es so weit gekommen ist, was die auslösenden Faktoren waren, worauf er in Zukunft achten muss, damit es nicht wieder passiert und was er statt dessen machen sollte. Wenn es sich um ein Gruppendelikt handelt so wie die oben erwähnte Vergewaltigung, dann muss er lernen, dem Gruppendruck der Peers einen Widerstand entgegenzusetzen, er muss sich trauen, NEIN zu sagen, ich mache da nicht mit, auch wenn ihn die anderen dafür feig oder blöd finden. Er muss verstehen, wie seine Tat sich auf das oder die Opfer auswirkt und sich eventuell entschuldigen. Sowohl bei Gewalttätigkeit als auch bei sexuellen Übergriffen empfehlen sich Therapiegruppen, weil es da den Tätern weniger leicht gelingt, auf Nebengeleise auszuweichen. Ein Nebengeleise wäre z.B.: Schaut mich an, ich bin ja in Wirklichkeit selbst ein Opfer. Das Verstehen des eigenen Lebensweges und eigene erlittene Traumatisierungen sollen in der Tätertherapie ebenfalls Platz haben, aber erst gegen Ende der Therapie. Sie sollen nämlich keinesfalls als Rechtfertigung für die begangenen Taten dienen, da in erster Linie die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln gestärkt werden soll.

Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass ich Ihnen ein paar Impulse geben konnte für Ihre so schwierige Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, die Ihnen tagtäglich neue Herausforderungen stellen und Sie - so nehme ich an - gelegentlich an den Rand Ihrer Nervenkraft bringen.